Sao Jorge: Steilküsten und Zeichen der Zeit

Auf zu neuen Ufern. Von Faial geht es mit der Fähre 3 Stunden lang bei ruhiger See über Pico (im Hintergrund) zur Insel Sao Jorge – alles auf den Azoren, einer teilautonomen Region Portugals

Großes Glück hatten wir auf der linken Seite der Fähre, als uns eine kleine Gruppe Flaschennasendelfine (Große Tümmler) kurz begleitete. Wenig später, kurz vor Sao Jorge, begegneten wir einigen in Gruppen jagenden Gelbschnabelsturmtauchern. Rund 75% bis 80% der weltweiten Population reist zum Brüten auf die Azoren. Dort kann man abends die charakteristischen „Aua aua“ Rufe der sich ausruhenden Albatross-Verwandten hören

Beschaulich ist der spontan erste, aber sehr passende Begriff für den kleinen Hafen des Hauptortes auf Sao Jorge, Velas, wo 2.000 Menschen mit Stolz auf die Käsehauptstadt der Azoren leben. Immerhin hat der lokale Rohmilchkäse in den letzten Jahren bei weltweiten Käsewettbewerben wiederholt Medaillen gewonnen, zuletzt sogar goldene

Steilküsten, wohin man auf Sao Jorge blickt. Zugang zum Wasser – oder vom Schiff aus gesehen, an Land – ist nur an ganz wenigen Stellen möglich, was den frühen Bewohnern der Insel eine Art natürlichen Schutz vor Piraten gab

Eine Besonderheit auf Sao Jorge sind die rund 70 Fajas, flache Ausbuchtungen an den Steilküsten, an denen die ersten Siedler – aber gelegentlich auch Piraten – landeten, und die mittlerweile zu großen Teilen bewohnt sind. Manche Bewohner leben konstant hier, andere haben hier ihre Feriendomizile. Der Zugang ist schwierig. In der Regel sind es ungeteerte Serpentinen, die bevorzugt mit Allradfahrzeugen erreicht werden. Besser, beim Einkaufen in der nächsten Ortschaft nichts vergessen …

Steilküsten haben ihre eigenen Reize, diese hier durch eine durch Erosion entstandene Höhle aus Basalt mit Bewuchs mit bunten Algen und Flechten und dem Tuffstein im Vordergrund

Geradezu ein Kunstwerk ist dieses Stück Steilküste, das durch Zusammenspiel von Felsen, Erosion, Mineralien, Algen bzw. Flechten und Wasser entstanden ist und sich stetig weiterentwickelt

Wie kreativ die Natur sein kann, zeigt sich beim sog. zweiten, ins Detail gehende Blick:
Ein steinfressendes Felsenmonster haust gut getarnt an der Steilküste und ist möglicherweise die wahre Ursache für die vielen Höhlen im Lavagestein

Der Torre da Igreja da Urzelina hat ein besonderes Schicksal: Während beim großen Vulkanausbruch von 1808 das umliegende Dorf und die zugehörige Kirche von Urzelina zerstört wurden, wurde der Glockenturm weitgehend verschont. Der Überlieferung nach wurden kurz vor dem Unglück die Reliquien aus der Kirche in den Glockenturm gebracht. Das mag Wunder gewirkt haben

Der Glockenturm ist durch und durch mit Pflanzen überwuchert und dient Seemöwen als Brutstätte, wie viele Schalen von Möweneiern am Boden rund um den Turm verraten. Man kann als Möwe schlechter wohnen

Sao Jorge wirkt einerseits noch nicht stark touristisch erschlossen, andererseits gibt es überall Zeichen der Abwanderung und des Verfalls, weil viele Insulaner nach Amerika übersiedeln und ihre alten, einfach gebauten Steinhäuser sich selbst und damit dem Verfall überlassen, wobei sie oft malerische Fotomotive bieten

Die Bauweise der alten Bauernhäuser und Lagergebäude auf Sao Jorge war sehr einheitlich – mit reichlich zur Verfügung stehendem, lokalem Baumaterial (Steine, Holz). In Ritzen, Nischen und Löchern breitet sich üppige Vegetation aus, die ihrerseits wieder Eidechsen, Insekten und Vögel anzieht. „Renaturierte Ruinen“ wäre das Stichwort

Ein bisschen Wehmut liegt im Blick zurück auf Sao Jorge. Einerseits ein Ort mit vielen Spuren der Vergangenheit, Schutzeinrichtungen vor Piraten, verfallene Gebäude, andererseits eine fruchtbare Landschaft, wenig Infrastruktur und sehr viel Perspektive für naturnahen Tourismus

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