Prägend für den Norden Chiles: Die Atacamawüste

Dünen, Geröll, bizarre Felsformationen und blauer Himmel – das ist die Atacamawüste, die den Norden von Chile prägt. Sie ist durch Hochebenen geprägt ist, die um 2.500 m und 4.000 m liegen, aber erreicht auch eine Höhe von 6.000 m am „Kragen“ der höchsten Andengebirge von fast 7.000 m. Höhe, Reinheit der Luft und die enorme UV-Strahlung (UV-Index von bis zu 14 (!) bei meinem Besuch) tragen zu faszinierenden Farben von der Morgendämmerung bis in die Abendstimmung bei

Früh morgens auf der Schotterpiste in und durch die Atacamawüste. Der Weg von San Pedro de Atacama, dem touristischen Zentrum, kann von 30 min bis 2 Stunden dauern, je nach Entfernung des Reiseziels und zurückzulegenden Höhenmetern. Da ist die Nacht schon mal um 5 Uhr morgens vorbei und dicke Kleidung angesagt. Gut durchgeschüttelt, also hellwach, kommt man dann an das erste Tagesziel

Noch in gemäßigten Farben präsentieren sich die „3 Schwestern“, bizarre „Gestalten“ aus Salzstein. Sie sind ein tolles Beispiel für Kraft und Kreativität der Natur, die sie aus Gestein, Salz, extrem seltenem Regen, großer Trockenheit, intensiver UV-Strahlung und Erosion über Millionen von Jahren geschaffen hat

Das „Valle de la Luna“ ist das bekannteste Ziel in der Atacamawüste. „Gottverlassen in der trockensten Wüste der Welt“ trifft einerseits zu, sagt aber nichts über die traumhaft schöne Landschaft aus: 3 der ubiquitären 4 Farben (Braun, Weiß, Blau, Grün fehlt) prägen Felsen, Dünen, Geröll, Schotterpiste und dunstig wirkenden Himmel. Richtiger Dunst ist es wegen Wolken- und Wassermangels nicht, sondern feinste Sandpartikel, die einen ohne Sonnenbrille an die Geschichte des Sandmännchens erinnert, das Schlafsand in die Augen der Kinder streut. An Schlafen denkt bei dem Jucken vor Ort niemand

„Abend will es wieder werden“, singt das eben zitierte Sandmännchen und meint damit nicht die Abendstimmung und die malerischen Sonnenuntergänge in der Nähe des Mondtals. Je nach Sonnenwinkel und Gestein zeigt sich die Bergwelt in einer Vielzahl überwiegend warmer, klarer Farbtöne, die sonst selten zu sehen sind. Fantastisch!

Die nächste Station führt den klangvollen Namen Salar de Atacama. Es ist der drittgrößte Salzsee der Welt auf einer Höhe von 2.300 m und liegt in der Nachbarschaft großer Lithiumvorkommen, was zu Interessenskonflikten zwischen Industrie, Naturschützern und Regierung führt. Über Wasser aus den Anden (es regnet in der Atacama im Durchschnitt nur an einem oder zwei Tagen im Jahr, meistens im Februar) trocknet der Salzsee nie völlig aus. Es hat sich im Laufe der Zeit eine interessante, an die extreme Dürre gut angepasste Tierwelt entwickelt, z.B. Fischchen, Wanzen, Spinne und einige fliegende Insekten, die sich von Mikroorganismen ernähren und z.B. Echsen und wenigen Vögeln als Futter dienen. Im Salzsee wachsen Salinenkrebse heran, die die hier lebenden Flamingos ernähren

Durch die trockene Luft und die tagsüber hohen Temperaturen entstehen hier durch Austrocknung Salzkristalle an der Oberfläche, ähnlich wie bei der Salzblüte im Meer, die zum Fleur de Sel führt, zuerst im Kleinen …

… und dann im großen Maßstab. Es entstehen riesige Salzsteinfelder und an Felsen und Bergausläufern bizarre -formationen. Immerhin ist dieser Salzsee auf 2.300 m Höhe der drittgrößte der Welt und der zweitgrößte in Südamerika

In über 2.300 m Höhe liegen zwei malerische Lagunen mit tiefblauem Wasser, das u.a. den hier im Hochland lebenden Vicunas, den kleinsten Wildkamelen Chiles, als Wasserstelle dient

Am nächsten Morgen, lange vor Sonnenaufgang, geht es 90 min von San Pedro de Atacama über die mit Schlaglöchern übersäte Buckelpiste wieder auf 4.300 m, dieses Mal nach El Tatio, einer der größten Geysir- und Fumarolenareale auf der Welt. Sonnenaufgang, frühe Morgenstimmung und -farben sind einmalig und lassen die kurze Nacht und die Strapazen der Fahrt schnell vergessen …

… die Temperaturen um 2 Grad Celsius allerdings noch nicht. Wanderstiefel, 2 Paar Strümpfe, lange Unterwäsche, T-Shirt, Pullover, dicke Daunenjacke und Pudelmütze sind angesagt. Um die Geysire und die Wasserdampfsäulen zu fotografieren, verzichtet man besser auf Handschuhe

Das Laufen in dieser ungewohnten Höhe fällt schwer. Objektivdeckel etc. wirft man besser nicht mehr als einmal auf den Boden, weil beim schnellen Bücken das Blut in den Kopf schießt

Trotz der Rippen um die heißen Quellen heißt es am Boden gut aufzupassen. Die nachts weit unter Null Grad Celsius absinkenden Temperaturen und die Restfeuchtigkeit sorgen am frühen Morgen für tückische Eisflecken. Das Hinweisschild am Parkeingang weist vorsichtshalber aber etwas zynisch auf das nächstgelegene Krankenhaus hin – in 150 km Entfernung in Calama

Man kann nachvollziehen, wie vor Millionen Jahren aus Wasser, Kohlendioxid aus der Luft und vorhandenen Spuren von Mineralien allmählich die ersten Lebensformen entstanden sind. Die Farben der Mineralien erinnern an Antimon, Arsen, Eisen und Schwefel. Häufigstes Mineral ist allerdings Lithium. Ganz in der Nähe befinden sich die größten Lithiumreserven weltweit – weitgehend aus Naturschutzgründen (noch) nur wenig gefördert

Wechselnde Feuchtigkeit und Temperatur sowie die Bodenbeschaffenheit führen überall zu Rissen im Boden und tragen zur Vielseitigkeit dieser besonderen Landschaft bei

Der Rückweg auf der Ruta 23 nach San Pedro de Atacama und später weiter nach Calama führt noch einmal durch trockene Geröllfelder und diversen, überwiegend parallel zueinander verlaufenden Bergketten wie den Anden, der Salzkordillere, dem Drei-Kreuze-Gebirge und der Küstenkorillere …

… bis man auf der „Wüstenstrecke“ auf den Wendekreis des Steinbocks, dem – auf der Südhalbkugel – Wendekreis des Sommers (!) trifft. Diese Zwischenetappe erreichten wir am 22. Dezember, einen Tag nach der offiziellen Sommersonnenwende. Die Länge des Tages und die Temperaturen in der wolkenlosen Wüstenstadt San Pedro de Atacama kann man sich vorstellen

Letzter Stopp vor der „Zivilisation“ ist der sog. Kaktuswald, der größten Sammlung von Cardón-Kakteen in Chile, die 7 bis 8 m groß werden. Gut nachvollziehbar, dass diese Pflanzen z.T. Hunderte von Jahren alt sein, weil sie nur 1-2 cm pro Jahr wachsen. Beeindruckend!

Früher wurden diese Kakteen mangels Alternativen in dieser kargen Gegend für den Bau von Möbeln und als Brennholz verwendet. Wegen der geringen Wachstumsgeschwindigkeit der Kakteen führte das vor ca. 100 Jahren fast zu ihrer vollständigen Ausrottung. Diese Kakteen sind heute streng geschützt und tragen ihren Beitrag zum fantastischen Landschaftsbild der Atacamawüste bei

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  1. Eine wirklich interessante Landschaft fernab der Zivilisation! Ich hätte vermutlich aufgrund der Höhe über dem Meeresspiegel unter massivem Sauerstoffmangel gelitten, wenn ich da meine Reise auf die Zugspitze zurückdenke…

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